Großbritannien hat jetzt die Chance seine Macht in Europa zu ergreifen

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Ich traf Mr Hackman, ein Engländer, der seit Jahren kreuz und quer durch Europa gewandert ist. Ich fragte ihn nach seinen Haupteindrücken. Er antwortete schroff, ‘ich blicke nie nach oben‘ und ging weiter. - N. Brooke 1796

Wieder gibt es Berichte, dass Großbritannien sich von Europa ablösen könnte. Diese Berichte stammen hauptsächlich aus den eigenen Reihen der regierenden konservativen Partei, wo einige Mitglieder sich ewig lange gegen Europa und auch generell gegen alles Ausländische gestrebt haben.

Dass diese Geschichte jetzt wieder auftaucht, ist nicht erstaunlich. Europa sieht geschwächt aus. Die südlichen "Olivenöl"-Länder, inklusive Frankreich, scheinen wirtschaftlich zu schwächeln und sind jetzt für die populäre Presse in Großbritannien so angreifbar wie noch nie. Dies bedeutet auch, dass britische Politiker keinen Profit darin sehen, eine enge Zusammenarbeit mit Europa zu befürworten.

Großbritannien steht spätestens 2015 vor einer großen Wahl und Europa ist ein Thema, dass Politiker leicht und billig verwenden können um Aufmerksamkeit zu erzielen. Premier Cameron hat schon versprochen, Großbritanniens Verhältnis zu Europa neu zu verhandeln. Andererseits haben wir das schon einmal vor mehreren Jahren von Mrs Thatcher gehört.

Die ganzen Diskussionen auf der Insel sind aufgeblasen. Auf den ersten Blick brauchen die Briten Europa politisch gewiss nur wenig. An Einfluss wird das Land aber ohne Europa schnell verlieren. Wirtschaftlich ist der Kontinent von äußerst großer Bedeutung. Britischer Handel mit Europa ist viel größer als man zugeben will und die Erweiterung von Europa, die Großbritannien seit Jahren unterstützt hat, brachte neue Märkte, niedrigere Kosten und größeren Wettbewerb.

Europa ist und bleibt das größte Ziel für den britischen Handel. Jedoch sind die Möglichkeiten der Erweiterung der Finanzdienstleistungen bei mangelnder europäischer Marktfreiheit eingeschränkt. Europa ist in einer schwachen Lage wenn es zu weltweiten Diskussionen über Finanzdienstleistungen kommt. Dies ist für Großbritannien ein sehr großer Nachteil, da Finanzdienstleistungen hier einen viel größeren Stellenwert haben.

Die Kosten der britischen Mitgliedschaft sind allerdings sehr hoch und haben nicht direkt mit dem Handel zu tun. Diese Kosten werden auch von Deutschland getragen. Jedoch ist es hier eine (noch) kleinere politische Hürde. Die Briten glauben, die Kontrolle über wichtige politische Entscheidungen verloren zu haben, erst recht die, die mit der Wirtschaft und Gesellschaft zu tun haben. Zur gleichen Zeit sind die Zahlungen an die europäischen Haushalte sehr und vielleicht sogar zu hoch.

Man muss auch verstehen, dass wir Anleger ein großes Interesse daran haben, die britischen Märkte als barrierefreien Teil von Europa zu erleben. Sehr viele, sehr erfolgreiche und weltweit agierende Firmen sind auf der Londoner Börse gelistet. Um in diese Firmen zu investieren und von deren Erfolgen in der Weltwirtschaft zu profitieren, muss es möglich sein, unbürokratischen und effizienten Zugang zu haben.

Langfristig muss es aber bestimmt Änderungen im Verhältnis zwischen Europa und Großbritannien geben. Die Europäische Union muss neue interne EU-Vereinbarungen treffen um eine weitere wirtschaftliche und gegebenenfalls politische Einigung zu erreichen.

Gerade jetzt besteht die Chance für Großbritannien ordentlich und geschickt zu verhandeln. Britische Politiker, die zu lange nichts mit Europa zu tun haben wollten, da es politisch Unglück bringen könnte, müssen jetzt Mut und Führung zeigen. Dass sie es können ist sicher. Ob sie es wollen, bevor es zu spät ist, ist derzeit noch nicht absehbar.

John Townsend ist Fellow des Chartered Securities Institute in London und seit 2004 Finanzberater bei Matz-Townsend Finanzplanung.